Mit seinem türkisch-kurdischen Filmfestival cinema2013 – Anatolien hat der Verein Jukus versucht, den Besuchern die Vielfältigkeit der Türkei näher zu bringen, und ihnen einen anderen, vorurteilsfreien aber durchaus kritischen Blick auf dieses Land zu gewähren. Jukus Obmann Ali Özbas zieht Bilanz.
Mit der Eröffnung des Festivals am 12. November im Volkshaus Graz fiel der Startschuss zu einer facettenreichen Filmwoche. Die rund 120 Besucher waren zum Großteil deutschsprachige Film – und Kulturinteressierte, weshalb Veranstalter Ali Özbas seine Eröffnungsrede auch auf Deutsch hielt. Neben Filmbeiträgen von den Gezi-Protesten gab es kurze Statements von Dichterin Zeynep Köylü, Schriftsteller Cenk Gündogdu und der türkischen Autorin Nuray Sancar. Im Anschluss sorgte die Band Bandista, die ihre Inspiration aus der kulturellen Vielfalt Anatoliens zieht, für ausgelassene Stimmung. Der Sound variierte von Django zu Reggae, von Bratsch bis Ska, Dub und Afro-Beat und riss vor allem das junge Publikum mit. Mit der Eröffnung war der Veranstalter durchaus zufrieden, hätte sich aber deutlich mehr Gäste erwartet.
„So ist die Frau der Türkei“
Im Rahmen des Festivals wurden 12 Filme, hauptsächlich Dramen, in vier verschiedenen Kategorien gezeigt. Ein Highlight der Woche war das türkische Drama „Gelmeyen Bahar – Der Frühling ohne Dich“, das sich dem Thema der Zwangsheirat und der Unterdrückung der Frau widmet. „Die im Film dargestellten Zuständesind in der Türkei leider keine Seltenheit .Ich hoffe, dass dieser Film dazu beiträgt, dass die türkische Frau ein gleichberechtigtes Mitglied in der Gesellschaft wird“, so Hauptdarsteller Alkaya in der anschließenden Diskussionsrunde. Laut ihm sei der Film aber immer noch nicht radikal genug.
Nachdem sich so mancher Kinobesucher die ein oder andere Träne aus dem Gesicht gewischt hatte, meldete sich auch das Publikum zu Wort. „Die westliche Welt sieht die türkische Frau völlig anders. Diese Sichtweise ist stets geprägt von Vorurteilen“, äußerte sich eine türkische Frau lautstark. „In Wirklichkeit spielt die Frau schon lange keine so unwichtige Rolle mehr. Auch in der Türkei gibt es viele starke Frauen.“. Auf dieses selbstbewusste Statement reagierte Alkaya mit einem Lächeln: „Seht ihr, so ist die Frau der Türkei.“ Auch Veranstalter Özbas beschrieb die Lage sehr kritisch: „Natürlich gibt es auch laute Stimmen auf Seiten der türkischen Frauen, diese gehören aber leider doch zur Minderheit. Vor allem in den ländlichen Gebieten überwiegt noch die traditionelle Rolle der Mutter und Hausfrau.“
Homosexualität als psychosexuelle Störung
Ein weiterer Höhepunkt der Filmwoche war der Dokumentarfilm „The Pink Report“. Er behandelt das Thema der Homosexualität, das vom türkischen Militär als „psychosexuelle Krankheit“ angesehen wird. Der Film zeigt vier homosexuelle Männer, die von ihrer Zeit beim Heer berichten. Da bei der anschließenden Diskussionsrunde mit Regisseurin Ulrike Böhnisch die Fragen des Publikums ausblieben sprach diese über die Entstehungsgründe der Dokumentation und über das Verbot in der Türkei, über dieses Thema zu sprechen. Auch wenn es in Großstädten wie Istanbul immer mehr Organisationen gebe, die Homosexuelle unterstützen , und es auch zu Demonstrationen mit bis zu 40000 Leuten komme, sei die Homosexualität vor allem im ländlichen Raum nach wie vor ein Tabuthema.
Insgesamt zählte die Filmwoche 600 Besucher und die klare Mehrheit an deutschsprachigen Gästen lässt das Interesse der Österreicher an den Themen erkennen. „Das Programm war sehr hochschwellig. Für viele Österreicher ist das Thema neu und sie wollen sich damit beschäftigen und andere Kulturen kennenlernen. Die Filme sprechen Themen an, mit denen die Gesellschaft nur schwer umgehen kann, und das macht das Ganze natürlich noch interessanter“, erklärt Ali Özbas
Enttäuschung und Motivation
„Die Kombination von türkisch und kurdisch ist ohnehin sehr komplex. In den zwei Kulturen findet man doch die ein oder anderen Unterschiede und dies macht die Filmauswahl nicht einfach“, betont der Veranstalter. Noch dazu kamen die späten Zusagen der Sponsoren, wodurch bei Özbas schlussendlich durchaus eine Enttäuschung zu spüren. „Wenn man sich zu hohe Ziele setzt, lässt es sich natürlich nicht vermeiden auch ab und zu enttäuscht zu werden“, ist er sich klar und sieht das Festival 2013 eher als eine Art Probedurchgang. Auch wenn er betont, dass es viel positives Feedback von den Besuchern und Künstlern gab, ist er sich aber auch sicher, dass man noch am Festival für 2015 feilen muss: „Sehr wichtig für 2015 ist mir eine engere Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern. Diese sollten das Festival nicht nur finanziell unterstützen, sondern auch aktiv mitgestalten und mitarbeiten. Außerdem wird man bei allen Veranstaltungen den Fokus auf einen gemeinsamen Ort legen, und auch die Einführung eines Festival-Cafés zur Reflexion der Filme unter den Besuchern ist geplant.“