Die Diagonale zeigte auch dieses Jahr 163 Filmproduktionen, davon 91 als Österreich- oder Weltpremiere. Doch wer besucht die Diagonale und wie wird der österreichische Film gefeiert? Eine Recherche zwischen Persönlichkeiten der Filmwelt, ihren Drehzigaretten, Netzwerktreffen und Afterpartys der Diagonale.
Sonntagmorgen im Volksgarten-Pavillon. Die Initiative Cinema Next veranstaltet eine Diskussion über Humor im Film, die eigentlich schon um elf Uhr beginnen sollte. Fünfzehn Minuten nach elf strömen die ersten Gäste ein. Fast alle scheinen müde und eilen zur langen Schlange vor den trockenen, aufgebackenen Croissants. Das angenehme Geräusch der laufenden Kaffeemaschine vermischt sich mit den Gesprächen der Menschen. Alle reden durcheinander: In einem Satz wird die Party von gestern Nacht besprochen, im nächsten die Schnittkunst des zuvor gesehenen Films. Wir befinden uns mitten im Diagonale-Filmfestival, die Gäste befinden sich wohl – zumindest größtenteils – noch im Hangover von gestern Nacht.
Halb zwölf: Der Raum ist gefüllt mit Film-Liebhaber:innen. Alle Sessel vor dem Rednerpult sind besetzt. Die restlichen Gäste haben sich eng daneben gedrängt, um einen Blick auf die improvisierte Bühne erhaschen zu können. Svenja Böttger eröffnet die Diskussion mit den Worten: „Ich weiß, wir sind wahrscheinlich alle noch fertig vom gestrigen Feiern, umso mehr freut es mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid.“
Es folgt eine spannende Diskussion von beinahe zwei Stunden. Filmproduktions-Legende Arash Riahi – Präsident der Akademie des Österreichischen Films – oder die österreichische Schauspielerin, Elena Wolff, melden sich zu Wort und betonen, wie wichtig das Lachen für den Film sei. Die Gäste wachen auf, diskutieren mit. Am Ende der Veranstaltung wird Schnaps ausgeschenkt.
Die Filmszene weiß sich zu feiern
Die Diagonale bringt die Menschen damit nicht bloß in die Kinos, sondern auch auf die Tanzflächen. Das kündigte sich bereits bei der Eröffnungsfeier in der Helmut List Halle an. Kaum waren die letzten Worte des Abspanns von dem Eröffnungsfilm How To Be Normal And The Oddness Of The Other World von der Leinwand verschwunden, sprangen die Gäste von ihren Sitzen und begaben sich auf ein Gläschen Wein in die Eingangshalle. Bald waren jedoch die Gläser aus, sodass ganze Flaschen ausgegeben wurden. Die High Society der österreichischen Filmszene, darunter auch Pia Hierzegger, Aglaia Szyszkowitz oder Andreas Babler waren vertreten. Ab 23 Uhr strömten die Feierlustigen in den hinteren Bereich der Halle. Hier spielte zuerst die Grazer Band Efeu, darauf folgten die DJs 7abebti und AYGYUL. Dies ließ sich nicht einmal Werner Kogler entgehen, der, eine Aktentasche in der Hand haltend, in der Disco das Tanzbein schwang.
Doch das war erst der Anfang. In den Tagen und Nächten danach fanden im Rahmen der Diagonale viele weitere Veranstaltungen statt. Egal ob dicht gedrängte Tanzfläche und schummriges Discokugel-Licht im Volksgarten Pavillon, falsche Calamari statt Popcorn in der Kombüse, schräge Beats im Forum Stadtpark oder gut besuchte Wein-Ausschenkungen nach der Preisverleihung im Annenhofkino. Es ist eindeutig: Die Filmszene weiß sich zu feiern.

Nicht selten stößt man dabei auf besondere Menschen in besonderer Kleidung. Zum Beispiel Florian Pochlatko, Regisseur des Eröffnungsfilms. Auf der Eröffnungsfeier erklärte er ausschweifend, warum er den Hochzeitsanzug seines Vaters, einen Trachtenanzug, als politisches Statement trage. Er wolle sich dadurch über den Wunsch der Landespolitik, die steirische Volkskultur besonders zu fördern, lustig machen.
Ein Wiener Schauspieler stach mit seiner Hawaii-Hemd-gemusterten Hose und grellpinken Hemd aus der Menge. Er zeigte sich enttäuscht, als sich sein Gegenüber als Nicht-Filmbranchen-Mitglied entpuppte. Die Hoffnung auf ein Networken ist damit gestorben. „Du bist also nur eine Konsumentin“, war das einzige, was er darauf, mit einem enttäuschten Kopfschütteln, zu sagen hatte.
Feiern auf der Diagonale heißt, unvermeidlich in den Raucherzonen von Zigaretten drehenden Filmfans in lange Gespräche über das Aussterben der österreichischen Kunstkinos verwickelt zu werden. Es heißt aber auch, feiern in einer gewissen Wohlfühl-Atmosphäre. Vielleicht liegt es an den mit blinkenden Lichterketten ausgestatteten Awareness-Teams, die auf jeder Party nach dem Rechten schauten, oder an der Aufgeschlossenheit und Fröhlichkeit des Publikums, das ein Festival wie die Diagonale anzieht. Aber auf den Partys herrschte stets eine gewisse Achtung füreinander. Sowohl das Festivalorganisationsteam als auch die Besucher:innen legten Wert darauf, Tanzflächen und Bars zu einem Safe Space für alle zu machen.
Die Diagonale zog also – wie jedes Jahr – in ihren Bann und verwandelte Graz zu einem Ort des Austausches der österreichischen Filmkultur. So lässt sich Film feiern.
Titelbild: Die Afterparty der Diagonale 2025 fand im Volksgarten Pavillon statt. – Foto: Christina Hahn